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Islamfeindlichkeit
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Als Islamfeindlichkeit wird eine grundsätzliche und pauschalisierende Feindseligkeit gegenßber dem Islam bzw. Muslimen bezeichnet. Daneben existieren die Bezeichnungen und Konzepte Muslimfeindlichkeit,cite-ref-1[1] Islamophobiecite-ref-allen2010b-136-2-0[2]cite-ref-runnymedetrust-3-0[3] und antimuslimischer Rassismus,cite-ref-shooman2011-4-0[4]cite-ref-allen2010b-135-138-5-0[5]cite-ref-pfahl-traughbera-2014-6-0[6]cite-ref-kahlwei-l-2012-7-0[7]cite-ref-salzborns-2018-8-0[8] die unterschiedliche Schwerpunkte und Wertungen bei der Betrachtung des Phänomens setzen. Umstritten ist, ob Islamfeindlichkeit als Form des Rassismus oder als eine ähnliche Form gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit zu betrachten sei, da der Islam nicht auf bestimmte Ethnien beschränkt ist.cite-ref-allen2010b-151-153-9-0[9] Vertretern und Organisationen des politischen Islam wird zuweilen allerdings vorgeworfen, Islamfeindlichkeit, Islamophobie oder antimuslimischer Rassismus als Kampfbegriffe zu verwenden, um sich generell gegen jede Form der Kritik zu immunisieren.cite-ref-10[10]cite-ref-11[11]
Contents
⢠Definitionen
⢠Geschichte
⢠Literatur
⢠Weblinks
⢠Einzelnachweise
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Definition und Benennung
Definitionen
Laut dem britischen Soziologen Chris Allen schaffe Islamfeindlichkeit eine Wirklichkeit, in der es als normal gelte, Muslime als grundsätzlich verschieden von Nichtmuslimen anzusehen und sie folglich auch ungleich zu behandeln.cite-ref-allen2010b-190-12-0[12] Islamfeindlichkeit hat erst in den letzten Jahren mediale Aufmerksamkeit erfahren. Die Anfänge der modernen Islamfeindlichkeit reichen jedoch weit ins 20. Jahrhundert zurßck und haben mehrere historische Vorläufer, etwa im mittelalterlich-christlichen Bild des Islams, aber auch im westlichen Orientalismus der Neuzeit.cite-ref-allen2010b-141-142-13-0[13] Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Islamfeindlichkeit setzte vergleichsweise spät ein. Die erste umfassende Studie des Phänomens sowie der Versuch einer Definition stammen aus dem Jahr 1997. Benennung, Einordnung und Reichweite des Begriffs sind seitdem umstritten.cite-ref-allen2010b-151-153-9-1[9]
Chris Allen definiert Islamfeindlichkeit als eine Ideologie, die Muslime und den Islam als das negativ konnotierte âAndereâ konstruiert und damit von der Gruppe ausschlieĂt, mit der man sich selbst identifiziert. Islamfeindlichkeit verbreite einseitig negative Sichtweisen Ăźber Islam und Muslime und diskriminiere Letztere gegenĂźber anderen Menschen. Muslime identifiziere sie anhand vermeintlicher oder tatsächlicher Merkmale und Eigenheiten des Islams, also nicht anhand des Selbstbildes der betroffenen Personen. Allen betont, dass Islamfeindlichkeit nicht immer explizit zum Ausdruck gebracht werde. Vielmehr sei sie auch in alltäglichen Praktiken und Diskursen vorhanden, ohne dass sich die darin Involvierten notwendigerweise als islamfeindlich verstehen mĂźssen. Die Diskriminierung von Muslimen äuĂere sich folglich auch in Handlungen und ĂuĂerungen, die von allen Beteiligten als selbstverständlich wahrgenommen werden. Islamfeindlichkeit ziele darauf ab, negative Wahrnehmungen von Muslimen und Islam als âWissenâ zu etablieren, also als fĂźr objektiv wahr gehaltene Aussagen. Gleichzeitig strebe sie auch eine politische und soziale Benachteiligung von Muslimen in der Gesellschaft an. Laut Allen seien konkrete Inhalte deshalb auch von geringerer Bedeutung, da sie Ăźber die Zeit durch andere ersetzt werden kĂśnnten und Islamfeindlichkeit wandelbar sei â abgesehen von der negativen Bewertung des Islams und der Muslime an sich. Dennoch seien historische Kontinuitäten empirisch beobachtbar.cite-ref-allen2010b-187-190-14-0[14]
Allen bezeichnet Islamfeindlichkeit als eine dem Rassismus verwandte, aber nicht identische Ideologie; zu ihrer Rechtfertigung wĂźrden schlieĂlich vor allem kulturelle Argumentationsmuster verwendet. Ein solcher kultureller Rassismus sei nicht nur problematisch, weil er innerhalb der Rassismusforschung umstritten sei. Die âKulturalisierungâ von Islam und Muslimen trage Ăźberdies dazu bei, dass beide als homogen und monolithisch gesehen wĂźrden. Da man bei der Definition einer islamischen Kultur von einer bestimmten Ausprägung des Islam beziehungsweise Verfassung der Muslime ausgehen mĂźsse, nehme man in Kauf, sowohl die Religion als auch die Menschen Ăźber deren Kopf hinweg zu kategorisieren.cite-ref-allen2010b-151-157-15-0[15]
In dieser Haltung findet Allen bei Robert Miles und Malcolm D. Brown Zustimmung, die in ihren Publikationen ebenfalls die Unterschiede zwischen Rassismus und Islamfeindlichkeit betonen: Zwar gebe es inhaltliche und funktionelle Ăberschneidung zwischen beiden Phänomenen, beide seien jedoch genauso voneinander zu trennen wie von Sexismus oder Homophobie, wenn man eine Inflation des Rassismuskonzepts vermeiden und die historischen Eigenheiten der Islamfeindlichkeit berĂźcksichtigen wolle.cite-ref-brown2000-88-89-16-0[16]cite-ref-miles2003-164-17-0[17] Im Gegensatz dazu haben vor allem Rassismustheoretiker wie Ătienne Balibar und David Theo Goldberg die Ansicht vertreten, dass Islamfeindlichkeit ebenso wie moderner Antisemitismus lediglich eine von vielen Formen des Rassismus sei. Sie sehen sowohl Kultur als auch Rasse als sozial konstruierte Kategorien, denen keine reale Essenz zugrunde liege. Gleichzeitig betonen sie die Verschmelzung religiĂśser Aspekte mit klassischen biologisch-rassistischen Diskursen.cite-ref-balibar1992-23-24-18-0[18]cite-ref-goldberg2006-359-364-19-0[19]
Nach dem Islamwissenschaftler und Verfassungsschutz-Mitarbeiter Olaf Farschid sind folgende Ideologien Merkmale von Islamfeindlichkeit: (1) Die Annahme einer âunĂźberbrĂźckbaren kulturellen Verschiedenheit von Muslimen und Nichtmuslimenâ; (2) Die Annahme, Islam und Demokratie seien âgrundsätzlich unvereinbar und Muslime daher in westlichen Gesellschaften niemals integrierbarâ; (3) Die Annahme âGewalt gehĂśrt konstitutiv zum Islamâ; (4) Die Annahme, âMuslime betreiben eine heimliche Islamisierungsstrategieâ; (5) Die Sorge âvor der angeblich bevorstehenden EinfĂźhrung islamischer Traditionen und Normen in europäische Gesellschaftenâ; (6) Die Annahme, âMuslime arbeiten mit bewusster Täuschungâ und (7) die âGleichsetzung von Islam und Totalität, die aus dem Islam eine Ideologie macht und ihm den Status einer Religion abspricht.âcite-ref-20[20]
Benennungsfragen und Abgrenzungsproblematiken
Die englischen beziehungsweise franzĂśsischen AusdrĂźcke âislamophobiaâ/âislamophobieâ lehnen sich an das dem Griechischen entlehnte Wort âXenophobiaâ (Fremdenfeindlichkeit) an. Diese Bezeichnung gilt als problematisch, weil der Wortbestandteil der Phobie auf eine krankhafte beziehungsweise psychische Ursache des Phänomens hindeutet und es damit pathologisiert.cite-ref-allen2010b-136-2-1[2]
Der Begriff wurde 1997 erstmals in einer wissenschaftlichen Studie des britischen âRunnymede Trustâ verwendet (âIslamophobia â A Challenge for all of usâ; âIslamophobie â eine Herausforderung fĂźr uns alleâ).cite-ref-runnymedetrust-3-1[3]
Insbesondere wird auch der Fokus auf den Islam statt auf die betroffenen Individuen, die Muslime, als problematisch kritisiert. Yasemin Shooman befĂźrwortet aus diesem Grund die Verwendung der Bezeichnung âantimuslimischer Rassismusâ beziehungsweise âanti-Muslim racismâ. Damit sollen die Parallelen zu klassischen Rassismen unterstrichen und Muslime ausdrĂźcklich als Opfer des Phänomens benannt werden.cite-ref-shooman2011-4-1[4] Allen weist ähnliche Vorschläge mit Verweis auf die Unterschiede zwischen Islamfeindlichkeit und Rassismus zurĂźck und meint, dass keiner der AusdrĂźcke in der Lage sei, die komplexen Strategien zu erfassen, in denen Muslime indirekt Ăźber den Islam angegriffen wĂźrden oder der Islam als ganzes, nicht aber Muslime, im Fokus der Feindseligkeit stĂźnden. Als Konsequenz argumentiert er dafĂźr, vorerst bei den etablierten AusdrĂźcken zu bleiben.cite-ref-allen2010b-135-138-5-1[5]
Armin Pfahl-Traughber vertritt die Auffassung, dass es bei der Unterscheidung von Begriffen wie Islamophobie, Islamfeindschaft, Islamkritik, Muslimenfeindlichkeit und Muslimenkritik âkeineswegs nur um einen Streit um Worteâ gehe. Hinter den Begriffen stĂźnden vielmehr âunterschiedliche Inhalte, die sich zwischen den beiden Polen einer aufklärerisch-menschenrechtlichen Islamkritik einerseits und einer fremdenfeindlich-hetzerischen Muslimenfeindlichkeit andererseits bewegenâ. Er plädiert fĂźr eine klare Trennung zwischen den Begriffen und eine Versachlichung einer Debatte, in der bei einer nicht zu vernachlässigenden Grauzone sowohl immer wieder Islamkritiker, die âeinzelne Bestandteile oder Auslegungen der Religion und deren Wirken in der Gesellschaft hinterfrag[en]â, als âIslamfeindeâ diffamiert wĂźrden, als auch tatsächliche Muslimenfeinde ihre Ressentiments als âIslamkritikâ behaupteten.cite-ref-pfahl-traughbera-2014-6-1[6] Der Soziologe und Antisemitismus-Beauftragte Berlins Samuel Salzborn argumentiert dafĂźr, den Begriff der Islamophobie gänzlich zu verwerfen. Nur Islamisten und Rechtsextremisten wĂźrden von der Unschärfe des Begriffs profitieren.cite-ref-kahlwei-l-2012-7-1[7] Zudem werde seiner Ansicht nach der Begriff Islamophobie insbesondere von islamistischen Gruppierungen verwendet, die sich damit gegen Kritik an ihren eigenen demokratiefeindlichen ĂuĂerungen und Taten zu immunisieren versuchen.cite-ref-salzborns-2018-8-1[8] Der franzĂśsische Sozialwissenschaftler Gilles Kepel, der auch an der London School of Economics and Political Science lehrt, beklagte, dass zunehmend oft Lehrveranstaltungen und Ăśffentliche Vorträge von Wissenschaftlern, die sich kritisch mit dem Islam auseinandersetzen, von pro-islamischen Gruppierungen mit dem Kampfbegriff der âIslamophobieâ gestĂśrt wĂźrden.cite-ref-21[21]
Diskussion von Parallelen von Islamfeindlichkeit und Antisemitismus
Das Verhältnis zwischen Antisemitismus und Islamfeindlichkeit ist seit einigen Jahrzehnten Gegenstand wissenschaftlicher Analysen und Debatten. Etienne Balibar verwies schon 1988 auf Antisemitismus, um die âFeindschaft gegenĂźber Arabernâ begreiflich zu machen. Unter anderem beschäftigten sich auch Konferenzen der Europäischen Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit (EUMC) und der OSZE mit diesem Thema, weitere Studien wurden durch Historiker wie Dan Diner, Matti Bunzl und David Cesarani durchgefĂźhrt.cite-ref-schneiders-22-0[22]
Die Vergleichbarkeit von Antisemitismus und Islamfeindlichkeit ist umstritten. So kritisierten Autoren wie Daniel Goldhagen, Matthias KĂźntzel und Clemens Heni den Vergleich 2008 als Gleichsetzung, die qualitative Unterschiede zwischen beiden Vorurteilsstrukturen verwische und damit Gefahr laufe, die Besonderheiten des Holocaust einzuebnen.cite-ref-23[23]cite-ref-24[24] Wolfgang Benz vertritt dagegen den Standpunkt, âdie Antisemiten des 19. Jahrhunderts und manche âIslamkritikerâ des 21. Jahrhunderts arbeiten mit ähnlichen Mitteln an ihrem Feindbildâ.cite-ref-benz2010-01-04-25-0[25] Gemeinsam sei antisemitischen wie islamophoben Vorurteilen âdie Einteilung in Gut und BĂśse sowie das Phänomen der Ausgrenzungâ. Beim Vergleich von Antisemitismus und Islamfeindlichkeit sei jedoch ein grundlegender Unterschied festzustellen: âIm Gegensatz zum ausgehenden 19. Jahrhundert geht es heute nicht mehr um die Emanzipation der Juden, sondern um die Integration der Muslimeâ.cite-ref-26[26] Eine Gleichsetzung von Islamfeindlichkeit und Antisemitismus lehnt Benz ab, er vergleicht âdie Methoden der Ausgrenzungâ. So wie es eine Methode âirgendwelcher âExpertenââ gewesen sei, Judenfeindschaft zunächst mit Inhalten des Talmud und später aus rassistischer Sicht durch âjĂźdischeâ Gene zu begrĂźnden, durch die Juden âzum BĂśsen gefĂźhrtâ sein sollten, gebe es heute Experten, die ähnlich argumentierten: âWas frĂźher Talmud-Hetze war, ist jetzt Koran-Hetze. Man stigmatisiert eine Minderheit als gefährlich, weil es ihr angeblich die Religion befiehlt.âcite-ref-27[27] Micha Brumlik, der auf semantische Ăberschneidungen in den ĂuĂerungen Treitschkes und Sarrazins hinwies, und Norbert Frei gaben Benz hinsichtlich der sozialpsychologischen Vergleichbarkeit heutiger Islamfeindlichkeit mit der Judenfeindschaft des späten 19. und frĂźhen 20. Jahrhunderts Recht.cite-ref-28[28]cite-ref-29[29]cite-ref-30[30] Auch Salomon Korn und Sabine Schiffer sahen ähnliche Parallelen.cite-ref-schneiders-22-1[22] Der Politik- und Islamwissenschaftler Thorsten Gerald Schneiders weist darauf hin, dass die Debatte Ăźber die Parallelen von Antisemitismus und Islamfeindlichkeit auch vor dem Hintergrund des islamfeindlichen Diskurses betrachtet werden mĂźsse. Die Relevanz von Islamfeindlichkeit werde durch solche Vergleiche aufgewertet, was vor allem Protagonisten und Sympathisanten der islamfeindlichen Szene nicht recht sein kĂśnne.cite-ref-31[31]
Der These der Ăhnlichkeit von Antisemitismus und Islamfeindlichkeit widersprach dagegen unter anderem Julius H. Schoeps, der argumentiert, es fehle der Islamfeindlichkeit an âparallelen Wahnvorstellungenâ, also Entsprechungen zu etwa den Ritualmordlegenden und der Theorie des Weltjudentums.cite-ref-32[32] Matti Bunzl lehnt den Vergleich nicht vĂśllig ab, betonte aber, die Islamfeindlichkeit sei, im Gegensatz zum historisch gewachsenen Antisemitismus, ein Phänomen, das erst zum Anfang des 21. Jahrhunderts aufgekommen sei. Heribert Schiedel ist der Ansicht, dass der Antisemitismus deduktiv vorgehe, die einzelnen Juden wĂźrden also in eine zuvor bestehende genaue Vorstellung vom Judentum gepresst, der antimuslimische Rassismus hingegen induktiv, er verallgemeinere und schlieĂe von einem oder mehreren auf alle Muslime. Ihm fehle auch die den Antisemitismus kennzeichnende âdoppelte Unterscheidungâ: die Definition von Juden einerseits âals gemeinschaftsfremde Gruppeâ, andererseits ihre Identifizierung âmit der die Gemeinschaft zersetzenden Moderneâ. Der Antisemitismus erlaube es, âdie ganze (soziale) Misere aus einem einzigen Punkt heraus zu begreifen und ursächlich auf einen Schuldigen zurĂźckzufĂźhrenâ.cite-ref-33[33] Ăhnlich argumentiert Volker WeiĂ, der betont, dass der Antisemitismus âein viel dichteres Weltbild zu einer Abwehr der Aufklärungâ biete. Die von der Rechten fĂźr schädlich gehaltenen Begleiterscheinungen der universalistisch ausgerichteten Moderne (Säkularisierung, Frauenemanzipation, Kulturindustrie, Marxismus, Liberalismus) wĂźrden nicht dem Islam angelastet, dessen Aufstieg zur Bedrohung âals Folgeerscheinung des Universalismusâ gelte, dessen unmittelbare Gestalt vom Antisemiten im Judentum gesehen werde.cite-ref-34[34] Nach Monika Schwarz-Friesel fehlt das Tertium Comparationis zum Vergleich der Phänomene. Ein weiteres Argument gegen den Vergleich ist die Aussage, dass im Gegensatz zu Juden von einigen Muslimen tatsächlich reale Gewalt und Terrorismus unter explizitem Hinweis auf die Religion ausgehe.cite-ref-schneiders-22-2[22]
Die Frankfurter Allgemeine Zeitung fĂźhrt an, es wäre falsch zu behaupten, âdass der Islam selbst und das Verhalten der Muslime keinen Anteil daran haben, dass negative Ansichten Ăźber sie entstehen. Juden haben nie Terrorangriffe auf Zivilisten durchgefĂźhrt, Fatwas gegen Cartoonisten ausgesprochen, die krummnasige Rabbis gezeichnet hätten, oder Ăśffentlich zum Ziel erklärt, den europäischen Kontinent zu âerobernâ, wie das prominente muslimische Vertreter wiederholt getan haben. JĂźdische Schulen haben ihre ZĂśglinge nicht mit Hass auf die westliche Zivilisation indoktriniertâ.cite-ref-35[35] Henryk M. Broder fĂźgte hinzu, dass Antisemitismus âauf hysterischen Ăngsten, Erfindungen, Projektionen und NeidgefĂźhlenâ beruhe, während die Islamkritik âeine reale Basisâ habe, âdie jedes Vorurteil Ăźber die dem Islam innewohnende Toleranz in ein gefestigtes Urteilâ verwandle.cite-ref-broder-36-0[36] Dem widersprach Mathias Brodkorb, Broder verkenne das Wesen des nationalsozialistischen Antisemitismus. Dieser sei nicht in erster Linie âvon mittelalterlich verbĂźrgten Abstrusitäten wie der These von den âBrunnenvergifternâ oder ârituellen KindstĂśternââ konstruiert, sondern im Gegenteil aus verschiedenen âErfahrungen, die er allerdings [âŚ] in abstruser und unzulässiger Weise im Rahmen einer SĂźndenbocktheorie verallgemeinerteâ, weshalb ein Vergleich zulässig sei.cite-ref-37[37]
Auch in einer Stellungnahme des JĂźdischen Kulturvereins Berlin wurde die Islamfeindlichkeit des 21. Jahrhunderts mit Antisemitismus verglichen: âZunehmend scheinen Antisemitismus und Islamophobie zwei Seiten jener Medaille zu sein, in die stereotypes Handeln und neues Unverständnis mit groĂen Lettern eingraviert sind.âcite-ref-38[38]
Inhalte, Funktion und Folgen
Islamfeindlichkeit kann â je nach zeitlichem, regionalem und politischem Kontext â sehr verschiedene Formen annehmen. Ihre vordergrĂźndigen Inhalte kĂśnnen sich leicht wandeln, ohne dass dabei der anti-islamische und anti-muslimische Kern angetastet wĂźrde. Sie zeigt jedoch, ausgehend von ihrer ideologischen Grundannahme, stets ähnliche Funktionen und Wirkungsweisen.cite-ref-allen2010b-187-190-14-1[14]
FĂźr die Islamfeindlichkeit spielen äuĂere Zeichen und Symbole eine wichtige Rolle. Sie dienen nicht nur der Identifikation von Muslimen, etwa einer Kopftuchträgerin als Muslima, sondern auch der Repräsentation von Muslimen und Islam. So wird eine Moschee nicht nur als architekturelles Symbol fĂźr die Anwesenheit von Muslimen, sondern als Wahrzeichen aller negativen Eigenschaften des Islams und der Muslime wahrgenommen. Chris Allen bezeichnet die Moschee in diesem Fall als âZeichenâ, während die Negativbilder von Muslimen und Islam das âBezeichneteâ beziehungsweise die Bedeutung darstellen. Die Islamfeindlichkeit kennt eine Vielzahl solcher Zeichen, etwa HidschÄbs, halÄl-zertifizierte Lebensmittel oder den Koran, die alle dieselbe Funktion erfĂźllen. Sie werden in einer âkonzeptuellen Landkarteâ verortet, auf der ihnen eine spezifische Rolle in der Negativdeutung von Muslimen und Islam zukommt. Ăber diese Landkarte lassen sich einzelne Zeichen in den bestehenden ideologischen Kontext einordnen, mittels einzelner Zeichen kĂśnnen aber auch negative Vorstellungen zu ihrem Träger, dem Muslim, transportiert werden.cite-ref-allen2010b-148-151-39-0[39]
Chris Allen zieht einen Vergleich zwischen Islamfeindlichkeit und Rassismus gegenĂźber Schwarzen: Die Religion der Muslime, der Islam, habe einen ähnlichen Stellenwert wie die Hautfarbe fĂźr schwarze Männer. Beide wĂźrden primär durch die Brille dieses äuĂeren Zeichens verstanden, und zwar als homogene Gruppe. Damit wĂźrden negative Bedeutungen, die mit diesem Zeichen verbunden sind, auf alle seine Träger Ăźbertragen. Als eine Folge wĂźrden die betroffenen Gruppen diskriminiert: Während man etwa schwarze Männer unter den Generalverdacht der Kriminalität stelle und deshalb die Unschuldsvermutung missachte, wĂźrden Muslime durchweg als potenzielle Terroristen gesehen und damit strengeren Sicherheitsvorkehrungen unterworfen als andere Menschen. Nach Allen bedeutet dies, dass weniger die diskriminierenden Praktiken islamfeindlich seien, sondern eher die Deutungsmuster, die ihnen zugrunde liegen und als Legitimation fĂźr die Diskriminierung herangefĂźhrt werden. Dieser Behandlung kĂśnnen AngehĂśrige der betroffenen Gruppen nicht entgehen, ohne sich aller äuĂerlichen Zeichen zu entledigen, weil sie Ăźber diese stets auf die eine, negative Deutung ihrer selbst reduziert werden. Die Akzeptanz der Ungleichbehandlung mit Verweis auf die negativ konnotierten Deutungen macht Muslime somit zu einer äuĂeren, einer âanderenâ Gruppe, die sich essenziell von allen anderen Menschen unterscheidet. Im gleichen Zug wird die Eigengruppe positiv aufgewertet â sei es, weil ihr die negativ konnotierten Zeichen der muslimischen AuĂengruppe fehlen oder weil sie Ăźber positiv konnotierte Zeichen verfĂźgt, die den Muslimen fehlen. So dient etwa der HidschÄb im Kopftuchstreit dazu, seine muslimischen Trägerinnen als unemanzipiert und ihre Ehemänner und Väter als frauenfeindlich und rĂźckwärtsgewandt darzustellen bzw. die Frauen selbst als Terroristinnen wahrzunehmen oder ihnen zumindest Extremismussympathien zu unterstellen.cite-ref-allen2010b-163-167-40-0[40]cite-ref-41[41] Was als Zeichen fungiert und was nicht, unterliegt stets einer Fluktuation und lässt sich deshalb nicht von vornherein festlegen. Die Zeichen lassen sich jedoch von auĂen stets durch ihren postulierten Bezug zum Islam identifizieren, auch wenn dieser Bezug nicht explizit formuliert werden muss.cite-ref-allen2010b-171-172-42-0[42]
Studien haben gezeigt, dass eine empfundene religiÜse Diskriminierung und die Wahrnehmung einer islamophoben Gesellschaft dazu fßhren, dass Muslime in Europa sich mehr mit ihrer Religion und weniger mit dem jeweiligen europäischen Staat identifizieren.cite-ref-kunst2012a-43-0[43]cite-ref-verkuyten2007-44-0[44] Zudem deuten Studien darauf hin, dass die Zunahme an negativen Haltungen gegenßber Muslimen die Gesundheit von Mitgliedern muslimischer Minoritäten in Europa negativ beeinflusst.cite-ref-johnston2011-45-0[45]cite-ref-kunst2012b-46-0[46] Laut einer Studie aus dem Jahr 2012 ist allein die Wahrnehmung einer feindlichen Umgebung ausreichend, um eine negative Auswirkung auf die psychische Gesundheit von Muslimen zu bewirken, unabhängig davon, ob die Betroffenen persÜnliche Erfahrungen mit Diskriminierung gemacht haben.cite-ref-kunst2012b-46-1[46]
Im Jahr 2022, drei Jahre nach dem islamfeindlichen Terroranschlag auf zwei Moscheen in Christchurch vom 15. März 2019, erklärte die UN-Generalversammlung auf Initiative Pakistans den 15. März zum Tag zur Bekämpfung von Islamophobie (âInternational Day to Combat Islamophobiaâ).cite-ref-47[47]
Geschichte
Die Frage, inwiefern gegenwärtige Islamfeindlichkeit in der Tradition der mittelalterlichen Auseinandersetzung des christlichen Europa mit den muslimischen Reichen in Europa, Nordafrika und Asien zu sehen ist, wird in der Forschung kontrovers diskutiert. Ăhnliches gilt fĂźr den Orientalismus des 19. und 20. Jahrhunderts. Konsens ist aber, dass die zeitgenĂśssische Islamfeindlichkeit viele Motive aus der Zeit der KreuzzĂźge, der TĂźrkenkriege und des Orientalismus Ăźbernommen hat. Zu den wichtigsten dieser Elemente gehĂśren das generalisierende Bild vom Muslim als gewalttätig, Ăźbersexualisiert und unzivilisiert sowie die Vorstellung eines angeblich unĂźberwindbaren Antagonismus zwischen christlichem und aufgeklärtem Abendland und einem romantisierten und ursprĂźnglichen, aber auch irrationalen muslimischen Orient. Da Islamfeindlichkeit auch innerhalb von gleichen Zeiträumen sehr unterschiedliche Formen annehmen kann, fällt es schwer, klare Start- oder Endpunkte fĂźr ihre Entwicklung festzulegen. Allerdings lassen sich grob zwei Phasen â spätes 20. und frĂźhes 21. Jahrhundert â festmachen.cite-ref-allen2010a-14-15-48-0[48]
20. Jahrhundert: Aufkommender Antagonismus
Der häufigen Annahme, die Geburtsstunde der modernen Islamfeindlichkeit seien die Anschläge vom 11. September 2001 gewesen, wird von Gottschalk/Greenberg widersprochen. Die einschneidenden Ereignisse fĂźr die heutige Form der Islamfeindlichkeit, so ihre Gegenthese, lägen vielmehr in den 1970er und 1980er Jahren und seien sowohl in den westlichen Gesellschaften als auch in der politischen Entwicklung der muslimischen Staaten zu suchen. Zu ersten Konflikten zwischen islamisch und westlich geprägten Staaten kam es im israelisch-palästinensischen Konflikt und während der Ălkrisen ab 1973. Beide Ereignisse wurden aber damals noch nicht primär in religiĂśsen, sondern in nationalen Kategorien verstanden.cite-ref-gottschalk2008-37-40-49-0[49] FĂźr Aufsehen in der westlichen Ăffentlichkeit sorgte vor allem die iranische Revolution von 1979, bei der die iranische BevĂślkerung den vom Westen gestĂźtzten Reza Schah Pahlavi stĂźrzte. In der Folge setzte sich ein radikal islamistisches Regime unter Ruhollah Chomeini an die Spitze des Staates. Von den westlichen Medien wie auch von diesem Regime selbst wurde die Revolution vor allem als Konflikt zwischen westlichen Werten und Interessen und denen des Islam interpretiert und dargestellt. Gleichzeitig wurde der Islam in dieser Berichterstellung mit den gleichen Attributen versehen wie bereits im Orientalismus: RĂźckständig, gewaltbereit, unaufgeklärt; eine Religion, die vor allem durch das Schwert verbreitet werde. Dieser aufkommende Antagonismus zwischen Westen und Islam blieb aber zunächst wenig wirkmächtig, unter anderem weil er von der kapitalistisch-kommunistischen Konfrontation im Kalten Krieg Ăźberdeckt wurde. 1988 erschien Salman Rushdies Buch Die satanischen Verse, in dem er auf die âSatanischen Verseâ Bezug nahm und den Propheten Mohammed auftreten lieĂ. Von vielen Muslimen wurde das Werk als blasphemisch und als HerabwĂźrdigung des Islam interpretiert. Zwar verbot der Staat Indien das Buch als erstes, die grĂśĂte Aufmerksamkeit erregte aber 1989 die Fatwa Chomeinis gegen Rushdie, in der er zu dessen TĂśtung aufrief. Rushdie musste untertauchen, Ăbersetzer des Buches wurden von Angreifern ermordet oder schwer verletzt. Weltweit kam es zu Protesten gegen die Satanischen Verse. Eine Ăśffentliche Verbrennung des Buches durch eine Gruppe muslimischer Briten wurde von den Medien aufgegriffen und mit der BĂźcherverbrennung 1933 in Deutschland verglichen. Damit wurden nicht nur die Negativbilder des Islams befeuert, die zehn Jahre zuvor aufgekommen waren. Die christlich geprägten Mehrheiten im Westen entwickelten auch das erste Mal ein Bewusstsein dafĂźr, dass Muslime nicht nur in Asien und Nordafrika, sondern auch in den nationalen Gesellschaften Europas und Nordamerikas lebten. Gleichzeitig wurden in der medialen Darstellung alle Muslime gleichgesetzt und in die Nähe Chomeinis gestellt.cite-ref-allen2010b-38-44-50-0[50]
Etwa im gleichen Zeitraum kam es zu einem Wandel im Selbstbild vieler Minderheiten in Westeuropa. Die zahlreichen Gastarbeiter, Auswanderer aus den ehemaligen Kolonien und deren Nachkommen in westlichen Staaten hatten sich selbst lange Zeit anhand nationaler oder ethnischer Kategorien definiert. Hingegen wurden beispielsweise muslimische Pakistanis, buddhistische Singhalesen oder hinduistische Inder im Vereinigten KĂśnigreich seit den 1950er Jahren von BehĂśrden und Regierungen unterschiedslos zunächst Ăźber Hautfarbe (colour), Rasse (race) und schlieĂlich âBlacknessâ definiert und zusammengefasst. Alle diese Kategorien waren von auĂen aufgeprägte Bezeichnungen und widersprachen dem Selbstbild der bisweilen miteinander im Konflikt stehenden Gruppen. Viele aus SĂźdasien stammende Minderheiten verstanden sich nie als Schwarze und fĂźhlten sich in diesem Minderheitendiskurs missachtet. Auch wenn die britische Rassendefinition später auch auf âmonoethnischeâ Religionsgemeinschaften ausgedehnt wurde (etwa Sikhs oder Juden), fanden etwa aus Pakistan stammende Briten weder als Pakistanis noch als Muslime oder gar Briten im eigentlichen Sinn Anerkennung. Gleichzeitig verzichtete der rassistische Diskurs ab den 1970er Jahren auf klassische rassistische Argumentationsmuster und bezeichnete nun Eigenschaften und Merkmale von Minderheiten, die sich nicht mit einem biologistischen Rassismus deckten. Sowohl das BedĂźrfnis der Minderheiten, sich selbst zu definieren, als auch das Aufkommen des âNeuen Rassismusâ fĂźhrten dazu, dass sich Pakistanis, Bangladeshis oder Inder zunehmend entlang ihrer Religion definierten. Aus âAsiansâ wurden so Muslime, Hindus und Sikhs.cite-ref-allen2010a-16-18-51-0[51] Diese Redefinition der britischen Minderheiten ging in den westlichen Medien zeitlich mit der Wahrnehmung des Islams als äuĂere Bedrohung einher. Die Protestakte kleiner, radikaler Gruppen wurden als Haltung âdes Islamsâ beziehungsweise âder Muslimeâ interpretiert und damit die nationalen muslimischen Minderheiten mit islamistischen Fundamentalisten gleichgesetzt. Ăhnliche Entwicklungen spielten sich wenige Zeit später in Frankreich ab, wo die aus den ehemaligen Kolonien stammenden muslimischen BevĂślkerungsgruppen zunehmend als Teil eines globalen, homogenen Islams wahrgenommen werden.cite-ref-allen2010b-41-46-52-0[52]
Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks fiel der Kommunismus als Bedrohung der westlichen Welt und als gemeinsamer Feind des Westens und islamistischer Bewegungen weg. Der Fokus verlagerte sich damit auf den supponierten Gegensatz zwischen westlicher und islamischer Kultur. Dazu trugen auch Werke wie Samuel P. Huntingtons Kampf der Kulturen bei, das die Welt in monolithische, religiĂśs-kulturell definierte und unvereinbare BlĂścke einteilte und die Zunahme von Konflikten zwischen diesen Weltteilen voraussagte. Auseinandersetzungen wie der Zweite Golfkrieg, der Bosnienkrieg oder der erste Tschetschenienkrieg wurden zunehmend als Kampf zwischen christlichem Westen und islamischem Osten interpretiert.cite-ref-allen2010b-46-48-53-0[53]
21. Jahrhundert: Erstarken der Islamfeindlichkeit
Obwohl die Stereotype und Bilder aus diesem Diskurs an Bedeutung gewonnen hatten, standen sie bis zum Ende des 20. Jahrhunderts nicht im Zentrum Ăśffentlicher und politischer Wahrnehmung. Die Irak-, Jugoslawien- und Tschetschenienkriege waren stark ethnisch und politisch dominiert, Religion spielte nicht notwendigerweise eine dominante Rolle. Dies änderte sich mit den Anschlägen vom 11. September 2001. Die Attacken islamistischer Terroristen schufen nicht nur ein Bewusstsein fĂźr die Existenz eines religiĂśs motivierten Terrorismus. Sie boten in der Folge auch den Rahmen fĂźr einen Diskurs, in dem dieser Terrorismus, der Islam und die Muslime weltweit gleichgesetzt oder zumindest in eine groĂe ideologische Nähe zueinander gesetzt wurden. Tendenzen dazu hatte es schon frĂźher gegeben,cite-ref-brown2000-82-83-54-0[54] aber erst durch die enorme mediale Wirkung der Anschläge von 2001 gelangten diese Interpretationsmuster ins Bewusstsein einer breiten Ăffentlichkeit. Die Terroranschläge dienten nicht nur als Legitimation fĂźr Militäreinsätze gegen vermeintlich oder tatsächlich islamistische Regime und Terrorgruppen in der Welt. Sie boten Ăźber die Identifikation des Islams mit dem Terrorismus auch die Grundlage fĂźr einen islamfeindlichen Diskurs in den westlichen Staaten, der sich um die nationalen Minderheiten drehte.cite-ref-cesari2010-1-4-55-0[55]
Rechtsextreme und rechtspopulistische Parteien in Westeuropa wandten sich Muslimen als neuem Feindbild zu und forderten ihre Entfernung aus der Gesellschaft, während ihnen in den 1990er Jahren noch Asylbewerber und WirtschaftsflĂźchtlinge als zu bekämpfende Ăbel gegolten hatten. Der islamfeindliche Diskurs hielt aber auch in die etablierte Politik und in die Mainstream-Medien Nordamerikas, Australiens und Europas Einzug. So wurde die Frage nach der Vereinbarkeit des Islams und damit der Muslime mit den Grundsätzen westlicher Gesellschaften gestellt. Ăber Minderheiten wurde nicht länger als Albaner, Marokkaner oder Pakistanis gesprochen, sondern als Muslime. Die Darstellung islamisch geprägter Länder als unterentwickelt, das Bild des Islam als antiliberale Ideologie und die Vorstellung von Muslimen als tendenziell reaktionär, homophob und frauenfeindlich eingestellten Menschen dominierte in den Medien. Muslime wurden als potenzielle Terroristen gesehen und etwa im Flugverkehr verschärften Sicherheitskontrollen unterworfen. Die Mohammed-Karikaturen fĂźhrten 2005 zu gewalttätigen AusbrĂźchen seitens muslimischer Gruppen, die von westlichen Medien mehrheitlich als Ausdruck eines Angriffs auf Meinungs- und Religionsfreiheit aufgefasst wurde. Die Islamfeindlichkeit beschränkte sich nach 2001 nicht nur auf WortäuĂerungen, es kam zu Schändungen von Moscheen, Morden wie dem an Marwa El-Sherbini oder den Anschlägen von Anders Behring Breivik, der die âIslamisierung Europasâ als Grund fĂźr seine Taten angab.cite-ref-56[56] Die Opfer solcher Angriffe waren nicht nur Muslime, sondern auch Menschen, die fĂźr solche gehalten wurden, etwa Sikhs in GroĂbritannien. Dessen ungeachtet ist Islamfeindlichkeit weiterhin in allen Teilen der europäischen Gesellschaften verbreitet,cite-ref-allen2010b-101-111-57-0[57] beispielsweise auch im Tourismus, wobei Reisende bei Aufenthalten in islamischen Ländern neben einer exotistischen Haltung durchaus auch islamfeindliche Positionen einnehmen.cite-ref-thurner2014-58-0[58]
Forschungs- und Begriffsgeschichte
Der Begriff âIslamophobieâ lässt sich im franzĂśsischen Sprachraum bis ins Jahr 1910 zurĂźckverfolgen.cite-ref-59[59] Im Zuge der franzĂśsischen Kopftuchdebatten 2003â2004 wurde auch im deutschsprachigen Raum eine von den Journalistinnen Caroline Fourest und Fiammetta Venner lancierte Interpretation diskutiert, wonach die iranischen Mullahs den Begriff âIslamophobieâ in den 1980er Jahren geprägt haben sollten, um säkular orientierte Oppositionelle als unislamisch zu brandmarken; letztere lehnten demnach Verordnungen wie das VerhĂźllungsgebot aufgrund einer Abneigung gegen den Islam ab.cite-ref-60[60] Im heutigen sozialwissenschaftlichen Kontext wurde der Begriff wohl zuerst Ende der 1980er Jahre von Tariq Modood, einem muslimischen Forscher am britischen Policy Studies Institute, verwendet. Wahrscheinlich stammt er aber aus den britischen muslimischen Gemeinschaften selbst, die Anfang der 1980er Jahre mit diesem Terminus die ihnen entgegenschlagende Abneigung und Diskriminierung benannten. Der antirassistische britische Runnymede Trust war 1994 die erste nichtmuslimische Instanz, die den Begriff aufgriff und Islamfeindlichkeit in dem Bericht A Very Light Sleeper: The Persistence and Dangers of Anti-Semitism als dem Antisemitismus ähnlich einstufte. Dieser Bericht bildete unter anderem die Basis fĂźr die Schaffung der Commission on British Muslims and Islamophobia (CBMI), die sich mit dem Phänomen der Islamfeindlichkeit beschäftigen sollte.cite-ref-allen2010b-5-14-61-0[61]
1997 erschien schlieĂlich mit Islamophobia: A Challenge for Us All. Report of the Runnymede Trust Commission on British Muslims and Islamophobia die erste wissenschaftliche Publikation, die sich vorrangig mit der Definition, Beschreibung und Verortung von Islamfeindlichkeit beschäftigte.cite-ref-allen2010b-52-62-0[62] Herausgeber des meist kurz Runnymede Report genannten Berichts waren der Runnymede Trust und die CBMI. Der Bericht kam zu dem Schluss, dass Islamfeindlichkeit auf einer âgeschlossenen Weltsichtâ beruhe. Damit nahm der Bericht auf ein Konzept des US-amerikanischen Sozialpsychologen Milton Rokeach Bezug â eine Herangehensweise, die nicht nur wegen ihres Hangs zum Behavioralismus kritisiert wurde. Chris Allen bemängelte unter anderem auch die fehlende historische Verortung, die vorgefassten Urteile der Studie und fehlende theoretische Grundlagen fĂźr die Herleitung der Islamfeindlichkeits-Definition. Weiterhin kritisierte er latent islamfeindliche Positionen in der Studie selbst, die Muslimen unterstelle, fĂźr Islamfeindlichkeit mitverantwortlich zu sein.cite-ref-allen2010b-58-72-63-0[63] Der Runnymede Report wurde auch von vielen weiteren Soziologen kritisiert,cite-ref-miles2003-164-166-64-0[64] seine wegbereitende Rolle in der Erforschung der Islamfeindlichkeit gilt aber als unbestritten. Malcolm Brown nahm 2000 einen frĂźhen Vergleich von Rassismus und Islamfeindlichkeit vor. Er kam zu dem Schluss, dass beide Phänomene getrennte historische Wurzeln hätten. Sie seien zwar prinzipiell unterschiedlich, beeinflussten sich aber gegenseitig. Brown kam zu dem Schluss, dass Rassismus und Islamfeindlichkeit getrennt voneinander analysiert werden sollten. Während Rassismus eine Erscheinung der Moderne sei, handele es sich bei Islamfeindlichkeit um einen Anachronismus aus vormoderner Zeit.cite-ref-brown2000-88-89-16-1[16] Browns Analyse wurde in seiner und Robert Milesâ Neuauflage des Standardwerkes Racism von 2003 aufgegriffen und vertieft.cite-ref-miles2003-162-168-65-0[65]
Nach dem 11. September 2001 und den darauf folgenden politischen Entwicklungen stieg die Aufmerksamkeit fßr Islamfeindlichkeit. Folglich stieg auch die Zahl wissenschaftlicher Werke an, die sich mit dem Phänomen beschäftigten. Die meisten dieser Publikationen arbeiteten jedoch mit relativ vagen und theoretisch nur wenig fundierten Definitionen. In der Regel beschränkten sie sich auf die Geschichte des Phänomens, oder aber sie analysierten nur aktuelle Erscheinungsformen. Erst 2010 legte Chris Allen eine umfangreichere Monografie vor, die sich speziell mit der Definition, den ideologischen Grundlagen und der Theorie der Islamfeindlichkeit widmete.cite-ref-field2011-511-66-0[66]
Historische Studien fĂźr einzelne Staaten liegen fĂźr Frankreich mit Thomas Deltombes LâIslam imaginairecite-ref-deltombe2011-67-0[67] und fĂźr die Vereinigten Staaten mit Islamophobia. Making Muslims the Enemycite-ref-gottschalk2008-68-0[68] von Peter Gottschalk und Gabriel Greenberg vor. Die Geschichte der Islamfeindlichkeit im Vereinigten KĂśnigreich hat Chris Allen in mehreren Publikationen nachgezeichnet.cite-ref-allen2010a-69-0[69]cite-ref-allen2010b-70-0[70]cite-ref-allen2004-71-0[71] Achim BĂźhl hat einen Band Islamfeindlichkeit in Deutschland verfasst,cite-ref-b-hl2010-72-0[72] und Thorsten Gerald Schneiders von der Universität MĂźnster hat zwei umfangreiche Fachbände zum Thema herausgegeben, die sich mit Islamfeindlichkeit und vergleichend dazu mit der ablehnenden Haltung von Islamkritik befassen.cite-ref-schneiders2010-73-0[73] Mit der aktuellen Situation in Deutschland beschäftigt sich unter anderem das Berliner Zentrum fĂźr Antisemitismusforschung; in Ăsterreich gibt Farid Hafez das Jahrbuch fĂźr Islamophobieforschung heraus.
Auch die psychologische Forschung beginnt das Thema zu bearbeiten: Das Institut fßr Religiosität in Psychiatrie & Psychotherapie veranstaltete 2011 die erste psychologische Fachtagung im Islamischen Zentrum Wien unter dem Ehrenschutz des Wiener Bßrgermeisters Michael Häupl.cite-ref-74[74] Der Psychiater Raphael M. Bonelli analysierte dabei die psychologischen Wurzeln der Islamophobie einerseits als Teil der Xenophobie, andererseits als Teil einer generellen Religionsfeindlichkeit, die fßr eine irrationale Angst vor dem Islam stehe.cite-ref-75[75]
Die Rolle der Medien im Zusammenhang mit der wachsenden Islamfeindlichkeit ist zunehmend Thema auf gesellschaftspolitischer und wissenschaftlicher Ebene. Die Agentur der Europäischen Union fĂźr Grundrechte â Agency for Fundamental Rights (FRA),cite-ref-76[76] die die Wahrung der Grundrechte in der EU Ăźberwacht, weist immer wieder auf islamfeindliche Haltungen von Medien hin. In den letzten Jahren belegen auch wissenschaftliche Erhebungencite-ref-schiffer-2005-77-0[77]cite-ref-j-ger-2007-78-0[78]cite-ref-l-nenborg-et-al-2011-79-0[79] islamfeindliche Positionen und Aussagen in verschiedenen Medien. Die Erforschung von Web-2.0-Inhalten steht noch an den Anfängen. RĂźdiger Lohlkercite-ref-lohlker-2009-80-0[80] und Sabine Schiffercite-ref-schiffer-2010-81-0[81] widmeten sich den Islaminhalten von Blogs, Thurnercite-ref-thurner-2012-82-0[82] untersuchte Online-Foren sogenannter Qualitätszeitungen diskursanalytisch. Auch in journalistischem Rahmen wird das Hassposten diskutiert.cite-ref-83[83]
Situation in Deutschland
Islamfeindliche Straftaten
Im Juni 2014 antwortete die Bundesregierung auf eine kleine Anfrage zum Thema Islamfeindlichkeit.cite-ref-84[84] Demnach kam es im Zeitraum Januar 2012 bis März 2014 â also in 27 Monaten â in und um Moscheen 78 Mal zu antimuslimischen Vorfällen.cite-ref-85[85]
Seit 2017 werden islamfeindliche Straftaten systematisch von den BehĂśrden erfasst (zuvor wurden nur allgemein âgegen die Religion gerichtete Straftatenâ erfasst). In jenem Jahr kam es zu ca. 1.000 islamfeindlichen Straftaten, dazu gehĂśren Anschläge, Schmierereien und Schändungen von Objekten. Dabei wurden 33 Menschen verletzt.cite-ref-86[86]cite-ref-berlinermorgenpost-2018-02-14-87-0[87] Zum Vergleich: Die Anzahl der Angriffe auf Christen und ihre Einrichtung betrug im gleichen Zeitraum 127.cite-ref-berlinermorgenpost-2018-02-14-87-1[87] In den Jahren 2019 (871 Straftaten, 33 Verletzte) und 2020 (901 Straftaten, 48 Verletzte) lagen die Zahlen in vergleichbarer HĂśhe. 2020 wurden beim Anschlag in Hanau mehrere Menschen aus islamfeindlichen Motiven getĂśtet. 2023 verzeichnete das Bundeskriminalamt 1.454 islamfeindliche Straftaten, ein Anstieg um 140 % gegenĂźber dem Vorjahrcite-ref-88[88]. 2024 wurden 1.848 islamfeindliche Straftaten registriert.cite-ref-89[89]
Islamfeindliche Einstellungen
Nach Wilhelm Heitmeyer (Deutsche Zustände) war die Zustimmung zu islamfeindlichen Aussagen zwischen 2003 und 2011 relativ stabil. Jeweils zwischen 20 und 30 % der BevĂślkerung war der Ansicht, Muslimen solle die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden, und zwischen 30 und 40 % fĂźhlten sich âdurch die vielen Muslime [âŚ] manchmal fremd im eigenen Land.âcite-ref-90[90]
Eine Studie von Andreas Zick und anderen stellte 2011 fest, dass 46,1 % der Befragten der Ansicht seien, es gebe zu viele Muslime in Deutschland, und 54,1 %, Muslime stellten zu viele Forderungen. Damit lag Deutschland im Mittelfeld im Vergleich mit weiteren europäischen Ländern (GroĂbritannien, Frankreich, Niederlande, Italien, Portugal, Polen, Ungarn).cite-ref-91[91]
Die repräsentative Leipziger Mitte-Studie von 2018 konstatiert, dass 44 % der Befragten vollständig oder teilweise der Ansicht seien, dass die âmuslimische Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden solleâ. Mehr als die Hälfte der Befragten äuĂerte, âsich wegen der Muslima und Muslime fremd im eigenen Land zu fĂźhlenâ. Damit habe sich die ablehnende Haltung gegenĂźber Muslimen seit 2016 weiter erhĂśht. Die Islamfeindlichkeit (bzw. Muslimfeindlichkeit) ist nach dieser Erhebung in Ostdeutschland (50,7 %) hĂśher als im Westen (42,4 %) und bei Personen ohne Abitur (48,4 %) stärker ausgeprägt als bei Personen mit Abitur (27,2 %).cite-ref-92[92]
Einer repräsentativen Umfrage der Bertelsmann-Stiftung von 2017 bis 2019 zufolge empfinden ca. 50 % der Menschen in Deutschland den Islam als Bedrohung (Ost: 57 %; West: 50 %). Die Herausgeberin bezeichnete dieses als âweit verbreitete Islamskepsisâ, die jedoch ânicht unbedingt mit Islamfeindlichkeit gleichzusetzenâ sei.cite-ref-93[93] Ferner wollten laut der Erhebung 30 % der Menschen im Osten und 16 % der Menschen im Westen keine Muslime als Nachbarn haben.cite-ref-94[94]
Der Historiker Wolfgang Benz verweist auf Publizisten wie Hans-Peter Raddatz und Udo Ulfkotte, die publikumswirksam durch âPanikmacheâ Ăngste gegenĂźber dem Islam schĂźren und Gefahren beschwĂśren wĂźrden.cite-ref-benz-hneln-95-0[95] Letzterer beschwĂśre eine âmuslimische Weltrevolutionâ und einen âgeheimen Plan zur Unterwanderung nichtmuslimischer Staatenâ, was rein seiner Fantasie entspringe, wie bei den Protokollen der Weisen von Zion aber den Fremdenfeinden als Versicherung ausreiche.cite-ref-96[96] Die Soziologin Naika Foroutan gibt Thilo Sarrazins Bestseller Deutschland schafft sich ab (2010) eine Mitverantwortung an zunehmender Islamophobie. Die âtendenziĂśsen und pauschal abwertendenâ AusfĂźhrungen hätten âDämme brechen lassenâ. Der Diskursraum habe sich bis an den Punkt Ăśffentlicher Diffamierung verlagert. Foroutan sieht einen Zusammenhang zu steigender Islamophobie. Sarrazin kĂśnne demnach âals Katalysator deutscher Befindlichkeiten verstanden werdenâ.cite-ref-97[97]
Wolfgang Benz bezeichnet den 2004 gegrĂźndeten Weblog Politically Incorrect als eine der wichtigsten islamfeindlichen Seiten.cite-ref-benz-hneln-95-1[95] Ende 2014 formierte sich zunächst die Bewegung âHooligans gegen Salafistenâ (HoGeSa) und später in Dresden sowie später auch andernorts die Bewegung âPatriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandesâ (PEGIDA), wobei letztere vielfach als islamfeindlich charakterisiert wurde.
Die unabhängige Kommission des Europarates gegen Rassismus und Intoleranz (ECRI â Europäische Kommission gegen Rassismus und Intoleranz) verĂśffentlichte im März 2020 einen länderspezifischen Bericht und stellte in ihrem sechsten PrĂźfungsbericht Ăźber Deutschland fĂźr den Zeitraum zwischen 2014 und 2019 besorgt fest, dass âes ⌠einen hohen Grad an Islamophobie [gibt] und der Ăśffentliche Diskurs ⌠zunehmend fremdenfeindlicher gewordenâ ist, weil sich â⌠die ständige islamophobe und fremdenfeindliche Rhetorik der extremen Rechten ⌠auf den allgemeinen politischen Diskurs niedergeschlagenâ hat.cite-ref-98[98]
In einem von den Anthropologen Ivan Kalmar (Toronto) und Nitzan Shoshan (Mexiko-Stadt) herausgegebenen Sammelband wird insbesondere untersucht, inwieweit der in Ostdeutschland verbreitete Antiislamismus auch auf Interventionen und EinflĂźsse des Westens zurĂźckzufĂźhren ist (z. B. durch die feministische Bewegung).cite-ref-99[99]
Literatur
Zitierte Literatur
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Aufsatz
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Weblinks
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Einzelnachweise
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